Hanna Behrend: Die Überleberin

cover-behrend-hanna-ueberleberin-170bJahrzehnte in Atlantis – Biographie

844 Seiten, mit einigen Fotos, Broschur
Format 14 x 20,3 cm
EUR 29,80/sfr 54,20
ISBN 978-3-900782-65-8
Verlag Guthmann-Peterson

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Über das Buch

„Gibt es im Leben eines Menschen eine innere Logik, einen Sinn, der sich unter allen Umständen und diesen zum Trotz realisiert? Was am Leben kann man gestalten, was habe ich gestaltet? Was hat mich geformt? Werden auch von meinen Erdentagen Spuren übrig bleiben?“

Hanna Behrend blickt auf ein langes, ereignisreiches, politisch aktives Leben zurück: Die gebürtige Wienerin ging nach ihrem Exil in Frankreich und England mit ihrem ersten Ehemann nach (Ost-)Berlin, das dann Teil der damaligen DDR wurde. Dort war sie mit den Überlebenskämpfen der Nachkriegszeit und einem repressiven System konfrontiert. In ihrer zweiten Ehe findet sie persönliches Glück und kann sich auch als Wissenschaftlerin entfalten. Ihre beeindruckenden wissenschaftlichen und publizistischen Leistungen, ihr politisches Engagement, ihre großartige Utopie einer wirklich menschlichen Gesellschaftsordnung und nicht zuletzt ihre liebenswürdige Persönlichkeit faszinieren in dieser dichten und plastischen Schilderung und gehen weit über das historische Interesse hinaus.

 

Besprechung von Stephan Lieske

Die 1922 in Wien geborene Autorin blickt in ihrer beeindruckenden Autobiographie auf ein ereignisreiches, persönlich ebenso wie politisch aktives Leben zurück. Sie sucht einerseits nach Wahrheiten über die Motive, die sie trotz aller Rückschläge immer wieder zum Weitermachen angespornt haben. Behrend legt andererseits aber auch Rechenschaft darüber ab, wie ihre Sehnsucht nach einer gerechten und besseren Welt ihr persönliches, wissenschaftliches und politisches Engagement mit allen Illusionen und Erkenntnissen prägte.

Behrends kritische Auseinandersetzung mit ihrem Engagement für die DDR ist bewundernswert. Freimütig beschreibt sie, was sie dazu bewog, in der DDR zumindest Ansätze von Atlantis zu sehen und warum sie sich deshalb für diesen Staat und in der SED engagierte.

Die ausführlichen dokumentierten Darstellungen ihrer Erfahrung der Wende und der enttäuschten Hoffnung auf eine demokratisch-sozialistische DDR sind mehr als nur bewegende Reminiszenzen eines historischen Umbruchs. B. ist – wie der gleichnamige Titel der von ihr herausgegebenen Schriftenreihe – auf der Suche nach der verlorenen Zukunft und enthüllt den schmerzlichen, aber auch hoffnungsvollen Prozess der Aufarbeitung ihrer Geschichte und den Versuch eines Neuanfangs, ohne dabei wehleidig zu sein oder in eine Opferrolle zu schlüpfen. Diese Kapitel vermitteln aber auch, wie wichtig es ist, trotz aller Rückschläge im persönlichen wie auch gesellschaftlichen Leben nicht aufzugeben und sich ein Atlantis zu bewahren.

Jahr Buch 2009 II für Forschung zur Geschichte der Arbeiterbewegung

 

Besprechung von Erich Hackl

Im Epilog behauptet sie, „Die Überleberin“ nicht so sehr für andere geschrieben zu haben, sondern um Klarheit zu gewinnen, über sich und auch über die gesellschaftlichen Verhältnisse, an denen sie innig Anteil genommen hat, als Schülerin in Wien, als Vertriebene in Paris, als Exilantin, die das Exil als Verheißung wahrgenommen hat, in Manchester und London, als gleichermaßen loyale wie kritische Sozialistin in Ostberlin, wo sie heute noch lebt, uneins mit den Umständen, unter denen die demokratische Wende der DDR im folgenschweren Anschluß an die Bundesrepublik geendet hat, ohne Erwartung, doch noch eine hoffnungsvolle Zeitenwende zu erleben, aber auch ohne Verbitterung, mit ungebrochenem Mut, Dinge zu bewegen, in ihrem Wohnviertel, bei ihren Angehörigen, Freunden und Bekannten, als dem hochnäsigen Westfeminismus unerwünschte Frauenrechtlerin, als Historikerin der revolutionären Bauernaufstände, als Literaturwissenschaftlerin, der Literatur immer auch Quelle und Ausdruck gesellschaftlicher Erfahrung gewesen ist. Auffallend, wie uneitel da jemand sich selbst auf der Spur ist, wie diese Jemand nie der Versuchung erliegt, eigenes Verhalten zu beschönigen, andererseits auch nicht Abbitte leistet (wofür auch? für die vorwitzige Sehnsucht nach Kommunismus?), wie sie nüchtern, fast rauh tief ins Private eindringt, in Sexualität, Krankheit, Streit, die glanzlosen Seiten des Alltags bespricht, die wir mit ihr teilen, aber kaum je bereden und schon gar nicht der Öffentlichkeit überantworten, weil sie jeglicher Transzendenz entbehren.

Man sieht schon: „Die Überleberin“ ist in jeder Hinsicht ein gewichtiges Werk, dessen Titel und Untertitel – „Jahrzehnte in Atlantis“, d.h. im Realsozialismus, der sich als Versuchsstation erwies – seiner Bedeutung nicht ganz gerecht werden; „Die Glücksucherin“ würde ihm eher entsprechen. Es ist kein Widerspruch, daß dieses Wort, Glück, bei Hanna Behrend selten vorkommt, erst auf den letzten Seiten häuft es sich, im Nachdenken über die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der Verfasserin mit ihrem vor drei Jahren verstorbenen zweiten Mann, dem Historiker Manfred Behrend. Andererseits, dort spricht sie auch von ihrer Lebensfreude – und davon, daß sie diese schon als Kind in Wien verspürt hatte.

 

Besprechung Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin

Die Sonne wird es bald schaffen. Diesen Gedanken setzt die 85-jährige Hanna Behrend an den Schluss ihrer Autobiografie. Sie hat sich – vor allem seit 2004 – nicht nur an „ihre sechs Leben“ erinnert, sie hat ihre umfangreichen persönlichen Dokumente, ihre Kalender, Tagebücher, Briefe usw. recherchiert, beforscht, rückblickend gewertet, frühere Wertungen überprüft … Und sie hat das alles in eine Form gegossen, die die Leserin (und hoffentlich auch den Leser) berührt, gelegentlich amüsiert, öfter jedoch betroffen macht.

Sicherlich hat Hanna Behrend lange über den Titel ihrer Lebensbeschreibung nachgedacht. Dass der Begriff „Überleberin“ auf sie zutrifft, kann sie für jede ihrer Lebensphasen nachweisen. Sie überlebte – im Unterschied zu vielen Angehörigen ihrer jüdischen Familie – die „braune Flut“ im Österreich der 30er Jahre. Es gelang ihr, als Sechzehnjährige zunächst nach Frankreich, später nach England zu emigrieren. Auch hier war das Leben ohne „Papiere“, ohne Beruf, meist ohne eigene Wohnung und zunächst ohne familiäre Bindungen oft genug eher ein Überleben. Aber sie schaffte es – als Dienstmädchen, als Kindermädchen, als Krankenschwester, als Schreibkraft, als Übersetzerin – und konnte so ihre relative Unabhängigkeit, die sie ihr ganzes Leben lang als höchstes Gut geschätzt hat (S. 44), bewahren. Klug und kritisch, auch politisch kritisch, war sie schon „immer“. Fleißig war sie auch, denn sie musste schon früh zur Finanzierung des elterlichen (seit 1934 mütterlichen) Haushaltes beitragen. Aber das klare politische Profil, das ihre weiteren Lebensetappen bestimmte, entwickelte sich vor allem hier in der Emigration. …

Wenn in spätestens 100 Jahren DDR-Biografien als begehrte Quellen für historische Forschungen genutzt werden, dann wird man wohl immer wieder auf dieses Phänomen stoßen: Junge Menschen, von Faschismus und Weltkrieg geprägt, bekennen sich ehrlichen Herzens zur sozialistischen Alternative, zu einer Gesellschaft ohne Ausbeuterklassen und ohne Politiker, denen der Krieg „wie eine Badekur“ bekommt. Und obwohl sie Konflikte und Widersprüche wahrnehmen, mitunter sogar unter ihnen leiden, ist die Überzeugtheit von dieser Art „gesellschaftlichen Fortschritts“ nicht zu erschüttern. Hanna Behrend stellt in diesem Zusammenhang die rhetorische Frage, ob damals alle, die so wie sie dachten, blind und dumm gewesen seien. „Gewiss nicht blinder und dümmer, als wir es heute sind. Schließlich schien der allgemeine Aufschwung fortschrittlicher Tendenzen weltweit die Richtigkeit der herrschenden Doktrin zu bestätigen. Die Kolonialvölker begannen damals, sich zu befreien … In vielen europäischen Staaten waren linke Kräfte an oder in der Regierung …“ (S. 248). Die Faszination, die die neue Gesellschaftsordnung ausübte, verbunden mit den realen Errungenschaften (ohne Anführungszeichen) ließen auch bei Hanna Behrend keine grundsätzlichen Zweifel an der historischen Berechtigung und Folgerichtigkeit des Sozialismus aufkommen, zumindest bis zu den 70er oder ersten 80er Jahren. Und das, obwohl sie wie wenige andere SED-Mitglieder erfahren hatte, was KommunistInnen sich gegenseitig antun können. …

Das bisher Gesagte könnte den Eindruck erwecken, hier handele es sich überwiegend um die Beschreibung eines politischen und wissenschaftlichen Lebens. Dem ist ganz und gar nicht so. Ich hatte bisher noch keine Autobiografie gelesen, die so gründlich und so offen das Privatleben analysiert. Nicht nur die Familienbeziehungen, die Liebesbeziehungen, die Kinderfreuden und Kindersorgen, die Freundschaften und Feindschaften werden von den Ursprüngenbis zur Gegenwart verfolgt, wichtig sind für Hanna Behrend auch die unterschiedlichen Erfahrungen mit Haustieren bzw. überhaupt mit den Tieren der Umgebung (z. B. Mit den untergewichtigen Igeln). Schließlich werden – in den bereits erwähnten 100 Jahren – auch alle die Historiker und Historikerinnen auf ihre Kosten kommen, die sich für konkrete Themen des DDR-Alltags, etwa für die Arbeit der Elternbeiräte und Elternaktive in den Schulen, interessieren oder für den spezifischen DDR-Humor (politische Witze, bekannte Lieder mit verändertem Text). Sogar für spätere Forschungen zum Nicht-Alltäglichen, z. B. zur Urlaubsgestaltung unter DDR-Bedingungen oder zum Thema Autokauf kann diese Lebensbeschreibung eine Fundgrube darstellen. Ganz abgesehen davon, dass Hanna Behrend auf Grund ihrer persönlichen Kontakte heute gängige DDR-Klischees – etwa über den Strafvollzug oder über den verordneten Antifaschismus – in Frage zu stellen vermag. …

Dass Hanna Behrend auch heute noch bereit und in der Lage ist, über „die nächste Zeitenwende“ nachzudenken, über neue Versuche des Aufbruchs, über eine Gesellschaftsform ohne Vergeudung der Ressourchen, ohne Kriege – das macht die Autobiografie zu einem Hoffnung machenden Buch. Ihm sind viele interessierte Leserinnen und Leser zu wünschen.

Ursula Schröter, Bulletin Info, Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin, Nr. 37.

 

Besprechung Ossietzky Nr. 12/2008

Behrends Buch hat fünf Kapitel und einen „Epilog“, der am Anfang steht. Sie schildert ihre Wiener Jugendjahre und – hochinteressant – das englische Exil. Die Kapitel 2 bis 4 handeln von den frühen und späteren Versuchen eines Sozialismus, eines neuen Entwurfs für Deutschland, beschränkt auf dessen kleineren Teil. Ein gutes Bekenntnis mit Berücksichtigung der vielen ungünstigen Konstellationen (sprich Kalter Krieg) und herber Kritik an handgemachten Fehlern. Kapitel 5 unter dem Titel „Die Suche nach der verlorenen Zukunft“ reicht über die 89er Wendung und den „Anschluss“ (sehr richtige Bezeichnung für die sogenannte Vereinigung) und erzählt von Auslandsreisen und feministischen Konzepten und Modellen.

Die Autorin benennt ihre Grundsätze des autobiographischen Schreibens: Authentizität und Ganzheitlichkeit. Daran ist viel Lobenswertes, auch Problematisches. Es ist Hanna Behrend gelungen, außerordentlich viele Dokumente von Quellenwert zu retten, Briefe aus dem Exil, Tagebücher über lange Jahrzehnte, ja Taschenkalender seit 1938. Das gelang weder meinen Eltern noch mir selbst – alle Achtung. …

Schreiben heißt auswählen, komprimieren, wenn es Literatur werden will; das gilt auch für dokumentarische Literatur, besonders, wenn sie wirken soll. Und das soll sie.

Im Ganzen: ein wichtiges Buch gegen das Vergessen, ein Buch, das gebraucht wird.

Jochanan Trilse-Finkelstein

 

Über die Autorin

Hanna Behrend wurde 1922 in Wien geboren, von 1938 bis 1946 war sie im Exil in Frankreich und England, danach lebte sie in Deutschland und verstarb 2010 als Witwe und dreifache Mutter in Berlin.

Sie war Historikerin und Literaturwissenschaftlerin (Anglistin), 1952 bis 1955 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum für deutsche Geschichte, 1958 bis 1962 Lektorin beim Verlag Rütten & Loening, 1962 bis 1967 Übersetzerin und Dolmetscherin. Von 1967 bis 1969 lehrte sie Englisch am Institut für Fremdsprachen an der Hochschule für Ökonomie in Berlin, von 1969 bis 1990 Englisch und Literatur sowie feministische Theorie an der Humboldt-Universität zu Berlin, von 1990 bis 1994 übernahm sie weitere Lehraufträge.

Ab 1994 war sie Herausgeberin der Reihe „Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft“.

Hanna Behrend war Gründungs- und Vorstandsmitglied des Gesellschaftswissenschaftlichen Forums e.V. und Autorin zahlreicher Veröffentlichungen über deutsche und englische Geschichte und Literatur, über marxistische und feministische Literaturtheorie, über die Literatur schwarzer Schriftstellerinnen, Utopien und Ökologie; ab Ende 1989 auch über (ost)deutsche Probleme.

 

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Die Autorin über ihr Leben und Schreiben

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Maria Gölles: ADHS – ADS

Cover Gölles ADHS Verlag Guthmann-PetersonLeitfaden für PädagogInnen und Eltern zum richtigen Umgang mit AD(H)S Ein Leitfaden für PädagogInnen und Eltern

112 Seiten, mit einem mehrseitigen Fragebogen und Arbeitsblättern, Broschur
Format 15 x 21 cm
Euro 16,00/sfr 29,00
ISBN 978-3-900782-62-7

Leitfaden zu ADHS – ADS

Über das Buch

Wer kennt ihn nicht – den Zappelphilipp? Zerstreut, vergesslich, impulsiv, unaufmerksam und unkonzentriert. Dies sind klassische Anzeichen für AD(H)S, die Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-)Störung. Dieses Buch soll Eltern und PädagogInnen den Alltag und Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die von AD(H)S betroffen sind, erleichtern. Neben einer genauen Beschreibung der Symptome und der möglichen Therapieformen bietet das Buch unterstützende Spiele und Übungen an. Grundlage für Diagnostik und Therapie sind das Ermitteln der Vorgeschichte sowie eine klinische Untersuchung. Zusätzlich beinhaltet dieser Leitfaden Arbeitsblätter für Eltern und PädagogInnen, die einerseits eine Diagnose, ob AD(H)S bei einem Kind bzw. Jugendlichen vorliegt, erleichtern, andererseits – was noch viel wichtiger ist – den richtigen Umgang damit unterstützen sollen. In Tagebuchfom werden die wichtigsten Fakten zum Verhalten und zum Tagesablauf des Kindes bzw. Jugendlichen festgehalten und schrittweise Regeln und Lösungsansätze erarbeitet. Ergänzend bietet die Autorin ein Adressverzeichnis für AD(H)S-Diagnostik und -therapeutInnen in allen österreichischen Bundesländern. Dort können sich Betroffene Hilfe und Unterstützung holen.

Über die Autorin

Maria Gölles wurde 1953 geboren, sie ist verheiratet und hat ein Kind. Nach der Ausbildung zur Kindergarten- und Hortpädagogin absolvierte sie einen Lehrgang für Existenzanalyse und Logotherapie. Sie arbeitete fünf Jahre als Pädagogin an der Ganztagsheilstättensonderschule Graz-Rosenheim und ein Jahr mit Mehrfachbehinderten an einer Sonderschule in Wien. Zu ihren Qualifikationen als KES-R-Evaluatorin und Dipl.-AD(H)S-Therapeutin kommt ihre langjährige praktische Erfahrung als Leiterin eines Kindergartens und Nachhilfeschülerhortes.

Wie ein weises chinesisches Sprichwort sagt: Kindererziehung ist Liebe, Liebe, Liebe und Vorbild, Vorbild, Vorbild.
 
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Doris Damyanovic: Landschaftsplanung als Qualitätssicherung zur Umsetzung der Strategie des Gender Mainstreaming

Cover Damyanovic Gender Landschaftsplanung Verlag Guthmann-PetersonGender Mainstreaming in der Landschaftsplanung

Dissertationen der Universität für Bodenkultur Wien
Band 65
240 Seiten, inklusive zahlreicher Abbildungen und 6 Karten, Broschur
Format 15 x 21 cm
€ 38,80/sfr 70,60
ISBN 978-3-900782-60-3
Published in German language.

Theoretische und methodische Konzepte eines gendergerechten Planungsprozesses als Bestandteil des Örtlichen Entwicklungskonzeptes, dargestellt an der Fallstudie Tröpolach/Stadtgemeinde Hermagor-Pressegger See (Kärnten)

 

Über das Buch

In der Arbeit werden theoretische und methodische Konzepte der Landschaftsplanung zur Umsetzung von Gender Mainstreaming beschrieben. Anhand der Fallstudie Tröpolach/Stadtgemeinde Hermagor-Pressegger See werden landschaftsplanerische Arbeitsschritte eines gendergerechten Planungsprozesses als Bestandteil eines Örtlichen Entwicklungskonzeptes aufgezeigt. Die differenzierte Betrachtung aus der Genderperspektive erfolgt durch die strukturalistische Arbeitsweise in der Landschaftsplanung, die am Institut für Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur Wien gelehrt wird. Die landschaftsplanerische Erhebung und Bewertung der Bau- und Freiraumstrukturen wird ergänzt durch eine Interpretation von demographischen Daten und Befragungen, die Rückschlüsse auf den Alltag von Frauen und Männern, bezogen auf Lebensphase und -situation, ermöglichen. Die Auswirkungen der rechtlichen Rahmenbedingungen zur Durchführung eines Planungsprozesses auf Gemeindeebene werden hinsichtlich Gleichstellung und Chancengleichheit geprüft. Ausgehend von einer systematischen landschafts- und freiraumplanerischen Erhebung und Bewertung werden Vorbilder, Leitbilder und Wertvorstellungen untersucht, die dem gängigen Planungskonzept in der Fallstudie zu Grunde liegen. Die „Praxis der Vermittlung und Verhandlung“ (Libreria delle donne di Milano, 1995) wird anhand verschiedener Methoden zur Sensibilisierung und Beteiligung von BewohnerInnen und zur Qualifizierung von Planungsfachleuten reflektiert dargestellt. Ziel ist, Prinzipien eines gendergerechten Planungsprozesses auszuarbeiten und rechtliche Anknüpfungspunkte im Örtlichen Entwicklungskonzept aus der Gender-Perspektive aufzuzeigen. Aufbauend auf Erfahrungen der Fallstudie werden gängige Gender-Mainstreaming-Methoden mit der landschaftsplanerischen strukturalistischen Arbeitsweise verglichen. Ziel der Umsetzung von Gender Mainstreaming in der Planung ist es, Strukturen zu fördern, die die Gleichstellung von Frauen und Männern bei Akzeptanz ihrer Verschiedenheit im Sinne der Chancengleichheit und ihre baulich-räumliche und sozioökonomische Situation unterstützen. Ergebnis ist, dass die Arbeitsweise jener Landschaftsplanung, die auf einer kritischen und feministischen Theorie beruht, theoretische und methodische Konzepte zur Umsetzung von Gender Mainstreaming in der räumlichen Planung beinhaltet und Erweiterungen, bezogen auf eine Genderperspektive, ermöglicht – im Sinne von: „Planerische Theorie produzieren heißt reflektierte Praxis in Worte fassen“ (vgl. Liberia delle donne di Milano, 1997; Schneider, Gerda 2006).

Über die Autorin

DI Dr. Doris Damyanovic wurde 1969 in Oberösterreich geboren und ist mit zwei Schwestern im Innviertel aufgewachsen. Nach der Matura absolvierte sie ein einjähriges Umweltpraktikum in Minnesota, USA. Anschließend studierte sie Landschaftsplanung und Landschaftspflege an der Universität für Bodenkultur Wien und an der Landbauuniversität Wageningen, Niederlande. Von 1997 bis 2002 arbeitete sie als freiberufliche Landschaftsplanerin in Kärnten und Oberösterreich sowie als Universitätslektorin am Institut für Landschaftsplanung. Seit 2002 lebt sie in Wien und ist Universitätsassistentin am Institut für Landschaftsplanung im Department für Raum, Landschaft und Infrastruktur. Ihr Arbeitsinteresse in Forschung und Lehre liegt im Bereich der kritischen und feministischen Landschafts- und Freiraumplanung im urbanen und ländlichen Raum. Ihre derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind nationale und europäische rechtliche Rahmenbedingungen, Planungsinstrumente und -prozesse in der Landschaftsplanung und in der räumlichen Entwicklung, Gender Mainstreaming and Gender Planning. Die Aus- und Weiterbildung von Studierenden, Planungsfachleuten und EntscheidungsträgerInnen auf verschiedenen Verwaltungsebenen (Land, Regionalmanagement, Gemeinde) nimmt eine zentrale Stellung in ihrem Lernen, Lehren und Forschen ein.

Rezension

In der Dissertation wird die Umsetzung der Strategie Gender Mainstreaming (GM) am Beispiel einer kleinen Gemeinde im Süden von Österreich diskutiert und es werden theoretische und methodische Konzepte zur Umsetzung von GM in der räumlichen Planung vorgestellt. Der Anspruch der Arbeit ist es, einen „entscheidenden Beitrag zur Weiterentwicklung der Profession und zum Forschungsfeld Gender Planning“ zu leisten. Nach einer inhaltlichen Einführung in die Strategie Gender Mainstreaming folgt eine Darlegung der Grundpositionen der Autorin (Kapitel 3 und 4), wobei hier die kritische landschafts- und freiraumplanerische Theorie und Praxis im Zentrum steht – so wie sie am Institut für Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur Wien gelehrt wird. Neben der kritischen Männerforschung werden die feministische Theorie der Philosophie der Differenz (Mailänderinnen) sowie die Subsistenztheorie „für die landschaftsplanerische Arbeitsweise übersetzt“. Schade ist, dass ein nationaler und internationaler Austausch mit anderen PlanungswissenschaftlerInnen bzw. PlanungstheoretikerInnen nicht sichtbar wird – zitiert und verwiesen wird im Zusammenhang mit den Grundpositionen der Autorin fast ausschließlich auf Seminararbeiten, Diplomarbeiten und Dissertationen, die an o.g. Institut erstellt wurden. Interessant und für die planerische Praxis sicherlich wertvoll sind die prinzipiellen Arbeitsschritteeines gendergerechten Planungsprozesses, die die Autorin auf einer allgemeinen Ebene für die Phasen Planungsauftrag – Planung – Durchführung – Umsetzung – Evaluierung skizziert. Jedoch bleibt – wie oft bei Dissertationen – offen, wie sich die theoretischen und konzeptuellen Überlegungen dann in der planerischen Praxis bewähren können und umsetzen lassen. Das Buch ist für die Studierenden am Institut für Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur Wien sicher eine Pflichtlektüre – für andere PlanungsstudentInnen ergeben sich auch interessante Einblicke in eine der vielen Denkweisen von „Gender Planning“. Bente Knoll, Koryphäe, Medium für feministische Naturwissenschaft und Technik, Nr. 44, November 2008

Doris Damyanovic: Landscape planning as quality protection for the implementation of the Gender Mainstreaming strategy

 

About the book

This doctoral thesis describes theoretical and methodological landscape-planning concepts for the implementation of Gender Mainstreaming. On the basis of the case study Tröpolach/Municipality Hermagor-Pressegger See, the author highlights practical landscape planning procedures in a gender-respecting planning process in local development projects. Structuralistic procedures are used that employ a differentiating gender point-of-view as taught at the Institute of Landscape Planning of the University for Natural Resources and Applied Life Sciences Vienna. A landscape-planning survey and evaluation of construction and open space areas is supplemented by an interpretation of demographic data and questionnaires that draws conclusions on the daily life of men and women regarding their respective life situations. The effects of legal conditions on the realisation of planning processes at the parish level are evaluated concerning the equalisation of opportunities. Starting with a systematic landscape and open-space-planning survey and an evaluation of the building and open-space areas, examples, principles, and personal attitudes were identified which influence the common planning concept of the case study. The “practice of mediation and negotiation“ (Libreria delle donne di Milano, 1995) was critically reflected throughout the different methods for sensitization and participation of residents and the qualification of planning experts. The aim is to develop principles for gender-respecting planning processes and to demonstrate legal factors influencing local development concepts with a gender perspective. Based on experiences of the case study, common Gender Mainstreaming methods are compared to the landscape-planning, structuralistic working methods. The aim of the implementation of Gender Mainstreaming in planning is to facilitate structures which support the different structural-spatial and socio-economic situations of women and men as well as to promote equal opportunity goals. The conclusion drawn is that working procedures in landscape planning which rely on critical feminist theory provide theoretical and methodological concepts for the realisation of Gender Mainstreaming in spatial planning and make possible a gender perspective in the spirit of “producing planning theory means putting into words reflected practical experience” (cf. Liberia delle donne di Milano, 1997; Schneider, Gerda 2006).

About the author

This doctoral thesis describes theoretical and methodological landscape-planning concepts for the implementation of Gender Mainstreaming. On the basis of the case study Tröpolach/Municipality Hermagor-Pressegger See, the author highlights practical landscape planning procedures in a gender-respecting planning process in local development projects. Structuralistic procedures are used that employ a differentiating gender point-of-view as taught at the Institute of Landscape Planning of the University for Natural Resources and Applied Life Sciences Vienna. A landscape-planning survey and evaluation of construction and open space areas is supplemented by an interpretation of demographic data and questionnaires that draws conclusions on the daily life of men and women regarding their respective life situations. The effects of legal conditions on the realisation of planning processes at the parish level are evaluated concerning the equalisation of opportunities. Starting with a systematic landscape and open-space-planning survey and an evaluation of the building and open-space areas, examples, principles, and personal attitudes were identified which influence the common planning concept of the case study. The “practice of mediation and negotiation“ (Libreria delle donne di Milano, 1995) was critically reflected throughout the different methods for sensitization and participation of residents and the qualification of planning experts. The aim is to develop principles for gender-respecting planning processes and to demonstrate legal factors influencing local development concepts with a gender perspective. Based on experiences of the case study, common Gender Mainstreaming methods are compared to the landscape-planning, structuralistic working methods. The aim of the implementation of Gender Mainstreaming in planning is to facilitate structures which support the different structural-spatial and socio-economic situations of women and men as well as to promote equal opportunity goals. The conclusion drawn is that working procedures in landscape planning which rely on critical feminist theory provide theoretical and methodological concepts for the realisation of Gender Mainstreaming in spatial planning and make possible a gender perspective in the spirit of “producing planning theory means putting into words reflected practical experience” (cf. Liberia delle donne di Milano, 1997; Schneider, Gerda 2006).

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Schwerpunkt Dissertationen der Universität für Bodenkultur Wien

Dissertations of the University of Natural Resources and Applied Life Sciences Vienna